Die Erde als Haut des Körpers

Annelise Zwez, 1997

 

Eigentlich ist die Aargauer Künstlerin Nesa Gschwend Schauspielerin. Doch was sie am Spiel faszinierte, war das Schaffen von "Bildern" aus Bewegung und Körpereinsatz in und mit Materialien der Erde. So wurde sie Performance-Künstlerin. Heute lässt sie im Atelier entstehende Werke sprechen: Bücher, Stühle, Bilder - im Raum zur stummen, sinnlichen, erdnahen "Erzählung" gefügt.


Nesa Gschwends Arbeiten aus Materialien wie Eisen, Kupfer, Teer, Stoff, Leinöl, Wachs stehen seltsam fremd im Kunstraum Schweiz der 90er Jahre. Ihre sinnlich-haptische Qualität - Buchseiten, die sich wie Haut anfühlen zum Beispiel - lassen zweierlei bewusst werden: Zum einen war und ist die Kunst in der Schweiz von einem hohen Abstraktionsgrad geprägt; Arbeiten, die sich den Kräften und Beschaffenheiten der Erde unmittelbar aussetzen, sie einsetzen, wandeln und zum Ausdruck bringen, wurden bei uns nur zu Beginn der 80er Jahre kurzzeitig diskutiert. Das ist in den Ländern nördlich und östlich der Schweiz, auch in Spanien, anders; man denke an die Figuren von Magdalena Abakanowics, an die Werke von Tapiès. So wundert es nicht, dass die nun in Basel gezeigten Arbeiten von Nesa Gschwends Wohnort Boswil zunächst für eine Ausstellung ins ehemalige Ostdeutschland (in die Kunsthalle Kühlungsborn an der Ostsee) gingen.

Zum andern lassen uns die oeligen, stoffigen, wächsernen, teerenen, drahtigen Arbeiten von Nesa Gschwend (geb. 1959 in St.Gallen) bewusst werden, wie die Kunst der 90er Jahre im Begriff ist, die Materie zu vergessen. So wird die (Wieder)begegnung mit Werken, die sich nicht nur den Augen, sondern auch (und vor allem) den Fingerspitzen mitteilen, zum Erlebnis, zu einer Art Mahnung auch. Dass Nesa Gschwend gerade so und nicht anders arbeitet, hat unter anderem mit ihrem Erstberuf als Schneiderin, mit ihrer Schauspielausbildung in Bologna, den Jahren in Berlin und zweifellos auch mit ihrer 6monatigen Tanz-Ausbildung in Asien zu tun. Die kraftvolle Unmittelbarkeit des Umgangs mit den Naturmaterialien in den Riten und Rhythmen der indonesischen Bevölkerung hat sich in ihre Arbeiten eingeschrieben, ohne dass diese indes "fernöstlich" wirken würden; im Gegenteil - ihre Zeichen sind westlich, zeigen aber aus der Gegenwart zurück in den Barock, ja sogar das Mittelalter.

Inhaltlich verbinden sich zwei Ebenen in einem Ausdruck: Diejenige des (eigenen) Körpers und die diejenige der Erde. Das unbekannte Feuer im Innern des einen ist jenes im Innern der andren. Was sich zeigt ist die Haut, zuweilen auch das Kleid; ihre Verletzbarkeit aber auch ihre Transparenz. Wunden in der Körperhaut sind Blessuren in den Materialien der Erde, doch nicht jede Oeffnung ist Wunde, im Gegenteil, durch die im Kirchenschiff hängenden, oranamental perforierten Teer-Wachs-Tücher dringt Licht. So ist die Kernthematik denn nicht Anklage, sondern "Erzählung" von der geheimnisvollen Einheit von Oeffnung, Schmerz und Wandlung; ein christliches Thema eigentlich. Zu der manches eindrücklich in Frage stellenden Ausstellung ist ein, vom Aargauischen Kuratorium mitunterstützter, retrospektiver Katalog mit einem ausführlichen Text von Evi Kliemand erschienen.