Das ereignete Gesicht

Brigitte Schmid Gugler, 2007

 

Das Wesen kauert da. Konturenloses Tuch verdeckt den Leib. Es befühlt, dreht und öffnet die orange farbene Frucht in seiner Hand, als hätte es nie zuvor in seinem Leben etwas Ähnliches gesehen. Gierig taucht es seinen Mund in den Saft, kaut, leckt, schlürft, zehrt und zerrt am Fleisch. Und als wäre ihm diese plötzliche Handlung des Zerstörens bewusst geworden, legt es die beiden leer getrunkenen Hälften mit einer zärtlich anmutenden Geste der Trauer wieder übereinander. Nimmt Faden und Nadel und vernäht die Öffnung. Macht wieder ganz, was entzwei war. Will flicken. Will für ewig (Un-)heiles heilen. Zurück bleibt ein versehrtes Objekt. Zu nichts mehr gut, aber als Kunstobjekt neu erschaffen.

Auf zwei Sockeln liegen die verschrumpelten, verbüezten Hülsen aus früheren Performances in Wachs getaucht und gehärtet. Unter der transparenten Schicht sind Nähte, Furchen, Kratzer, Einbuchtungen erkennbar. Nesa Gschwend schliesst den archaischen Akt im Kreis und überträgt ihn mit dem gleichen neugierig seziererischen Blick ins Innere auf ihre Zeichnungen.

Aufmachen, Hineinschauen
Während in einer Endlosschlaufe die kleine Performance auf Video eingeblendet wird, auf dem sich gegenläufig Ton und Bild überlagern, wandert der Blick den Wänden entlang, wo Nesa Gschwends «Erinnerung an ein Ereignis» eine weitere Dimension erreicht. Der Titel der Ausstellung verweist auf die Entdeckungsreise, auf welcher sich die Künstlerin seit Jahren befindet. Mit allen Eindrücken, Stimmungen, die sie zu Hause bei Lenzburg, in Indonesien oder im indischen Bangalore, wo sie sich in Künstlerateliers aufhielt, beeinflussten, wendet sie im lebendigen Gegenüber fremder Welten den Blick unerbittlich ins eigene Ich. In einer ersten Phase vor circa acht Jahren entstanden die ältesten Zeichnungen eines - ihres Gesichts, dessen Konturen kaum mehr als solche erkennbar sind. Als wollte sie wie eine Dürstende aus tiefsten Schichten verborgene Quellen ausgraben, siebt sie bis zur Durchsichtigkeit eines Pergamentpapiers Prozesse von Entstehen und Auflösung aus sich heraus - bis zur transparenten Dünnhäutigkeit von werdendem Leben, im Ei, in der Zelle. Wenn sie früher von sich sagte, sie decke in ihren grossformatigen Malereien Schichten auf, dann schneidet sie diese nun in mikroskopisch hauchdünne Scheibchen. Der Kopf als Objekt, von aussen nach innen, von innen nach aussen gerichtet, erscheint als unscharfes Phantombild, als trüber Schädel unter einer brüchig-transparenten Wachsschicht.

Zersetzen, Entstehen
Einerseits sammelt sie diese geraspelten Kopfstudien in Objekt-Kästen, datiert nach Zeit und Ort ihres Ursprungs, zu je fünfzig Blatt - zu je fünfzig auf A4 festgehaltenen Augenblicken, die untereinander nicht auswechselbar sind. Andererseits dringt sie in einer hier gezeigten Serie mit Rötelkreide und Wachs auf Papier zu den Schnittstellen von Sehen und Spiegeln vor. Im vorderen Raum vereint Nesa Gschwend Studien, die zum gleichen Thema in grösseren Zeitabschnitten in Griechenland, Indien und in ihrem Atelier entstanden sind. An den ausschliesslich schwarz-weiss gehaltenen, durcheinander gehängten Zeichnungen lässt sich der metaphysische Zustand erahnen; verwachsenes Eintauchen in Kopftiefen.
Bei den drei grossflächigen Bildern auf Baumwolle gibt es kein Hinten und Vorne. Vielmehr ergeben die Bildtafeln - und dies schliesst erneut den Kreis - ein von jeder Seite zu betrachtendes Ganzes. Wie das Innere einer essbaren Frucht bearbeitet sie die Stoffe von beiden Seiten, sie knetet und kratzt die Hülle, weicht auf, reibt an Oberflächen, weicht auf, bricht auf. Bricht ein. Bricht aus. Wi(e)der das Ganze.