| Das ereignete Gesicht |
Brigitte Schmid Gugler, 2007
Das Wesen kauert da. Konturenloses Tuch verdeckt den Leib. Es befühlt, dreht und öffnet die orange farbene Frucht in seiner Hand, als hätte es nie zuvor in seinem Leben etwas Ähnliches gesehen. Gierig taucht es seinen Mund in den Saft, kaut, leckt, schlürft, zehrt und zerrt am Fleisch. Und als wäre ihm diese plötzliche Handlung des Zerstörens bewusst geworden, legt es die beiden leer getrunkenen Hälften mit einer zärtlich anmutenden Geste der Trauer wieder übereinander. Nimmt Faden und Nadel und vernäht die Öffnung. Macht wieder ganz, was entzwei war. Will flicken. Will für ewig (Un-)heiles heilen. Zurück bleibt ein versehrtes Objekt. Zu nichts mehr gut, aber als Kunstobjekt neu erschaffen. Auf zwei Sockeln liegen die verschrumpelten, verbüezten Hülsen aus früheren Performances in Wachs getaucht und gehärtet. Unter der transparenten Schicht sind Nähte, Furchen, Kratzer, Einbuchtungen erkennbar. Nesa Gschwend schliesst den archaischen Akt im Kreis und überträgt ihn mit dem gleichen neugierig seziererischen Blick ins Innere auf ihre Zeichnungen. Einerseits sammelt sie diese geraspelten Kopfstudien in Objekt-Kästen, datiert nach Zeit und Ort ihres Ursprungs, zu je fünfzig Blatt - zu je fünfzig auf A4 festgehaltenen Augenblicken, die untereinander nicht auswechselbar sind. Andererseits dringt sie in einer hier gezeigten Serie mit Rötelkreide und Wachs auf Papier zu den Schnittstellen von Sehen und Spiegeln vor. Im vorderen Raum vereint Nesa Gschwend Studien, die zum gleichen Thema in grösseren Zeitabschnitten in Griechenland, Indien und in ihrem Atelier entstanden sind. An den ausschliesslich schwarz-weiss gehaltenen, durcheinander gehängten Zeichnungen lässt sich der metaphysische Zustand erahnen; verwachsenes Eintauchen in Kopftiefen. Bei den drei grossflächigen Bildern auf Baumwolle gibt es kein Hinten und Vorne. Vielmehr ergeben die Bildtafeln - und dies schliesst erneut den Kreis - ein von jeder Seite zu betrachtendes Ganzes. Wie das Innere einer essbaren Frucht bearbeitet sie die Stoffe von beiden Seiten, sie knetet und kratzt die Hülle, weicht auf, reibt an Oberflächen, weicht auf, bricht auf. Bricht ein. Bricht aus. Wi(e)der das Ganze. |