Selbstbilder

Corinne Schatz, 2001

 

Die Bildnisköpfe, die so ganz schemenhaft aus der Tiefe auftauchen, entstehen als Selbstbildnisse, jedoch nicht wie man es gewohnt ist, wo ein Künstler sich im Spiegel betrachtet, sich wie einen Fremden anschaut, das eigene Gesicht erforscht und versucht etwas über sich selbst herauszufinden. Dafür gibt es ja in der Kunstgeschichte viele sehr bewegende Selbstbildnisse. Es gab immer Künstler, die sich intensiv mit dem eigenen Gesicht auseinandergesetzt haben, z.B. der Schweizer Künstler Ferdinand Hodler, oder auch Paul Cezanne, die ihr ganzes Künstlertum, den Kampf mit der Kunst, mit dem Erfolg oder Nichterfolg in ihren Selbstporträts spiegelten. Oder die bewegenden Beobachtungen von Rembrandt, der gnadenlos aus der dunklen Malerei heraus sein eigenes Altern aufgezeichnet hat. Die Beispiele, wie Künstler sich selbst betrachten, wären endlos weiterzuführen.

Nun haben wir hier ein Vorgehen, dass sich ganz anders verhält. Nesa Gschwend schaut nicht in den Spiegel, sondern sie versucht ein inneres Bild von sich selbst, das nicht identisch ist mit dem Spiegelbild, zu finden. Es ist eine Selbstbeobachtung, in der sie versucht, sich nicht als Fremde, sondern ganz von ihrem inneren Auge her zu betrachten und herauszufinden wer das ist, ein wie hinter die Haut schauen. In ihrer Arbeit erscheint aber auch das Gesicht nicht als Porträt, sondern eher als Erscheinung, als Vision. Es ist etwas Erschautes, Erfahrenes.

Es sind Köpfe oder Gesichte, nicht Gesichter, die metamorphotisch aus dem Ungewissen hervortauchen. Sie zeigen die Wandelbarkeit alles Seienden, die fliessenden Grenzen der verschiedenen Wirklichkeiten, indem sie vor- und zurückweichen, zu verschwinden scheinen und dann sich doch wieder in den Vordergrund bewegen. Wenn man sich damit einlässt, wenn man längere Zeit in diese Gesichter schaut, dann beginnen sie zu pulsieren, scheinen sich zu bewegen, zu atmen. Es ist etwas Lebendiges in ihnen und sie wirken wie imaginäre Röntgenbilder, eben der Blick hinter das Gesicht. In den meisten bekannten oder üblichen Selbstporträts ist der Blick -die Augen- das Zentrale, der auch unseren Blick anzieht, da sie uns anzuschauen scheinen. In diesen Köpfen sind die Augen ganz nach innen gekehrt, dunkle Flecken. Sind sie geschlossen?Vor ein paar Jahren hat Tina Grüter in Schaffhausen eine Ausstellung gemacht zum Thema „Gesichte“. Sie schrieb im Vorwort des Katalogs. „Bleibt das Gesicht als Vision, als Erscheinung, als Erschautes, trotz einer im Laufe der Jahrhunderte und besonders im 20. Jahrhundert, durch die Medien veränderten Sehweise, daselbe? Enthält es immer die gleichen Vorspiegelungen und sind diese für den Menschen immer gleich notwendig, weil sie über die Suche zu sich, zu einem verlorengegangen jedoch ahnungshaft vorgestellten Ganzen führen?“In einem Film, den sie vorstellt, sagt eine Person: „Ich sah ein Licht, das im Verborgenen schien und behielt es solange im Auge, bis ich ganz zu jenem Lichte wurde.“

Ich habe bis jetzt den ersten Schritt beschrieben, doch entstehen die Bildnisse in mehreren Durchgängen. Die Technik möchte ich jetzt nicht im Detail erklären, aber wichtig zu wissen scheint mir, dass Nesa mit Wachs arbeitet. Der letzte Arbeitsgang besteht darin, dass sie Wachs von hinten auf die Bilder aufbringt, dadurch entsteht dieser malerischen Aspekt und das Schemenhafte der Köpfe. Die Pigmente der Stifte vermengen sich mit dem Wachs und werden mit dem Papier verschmolzen. Die Erscheinungsform dieser Wachsschicht erinnert an viel ältere Wachsbildnisse, die zur Zeit der Römer entstanden, mit denen sie ihre Ahnen verehrten, oder auch an die Porträts der Ägypther, die den Mumien mitgegeben wurden, um durch das Gesicht das Weiterleben der Seele zu garantieren. Die Seele braucht ein Bild, um weiter existieren zu können und mir scheint, je vager die Konturen, die Physiognomien in diesen Bildnissen sind, desto mehr haben sie jedoch dieses Seelenhafte in ihrem Blick, den ich vorher schon zu beschreiben versucht habe.

Es sind Erforschungen des Unsichtbaren, des Verborgenen und ich möchte hier nochmals ein Zitat anfügen, aus dem Film „Das verborgene Gesicht“ „Wenn sich das verborgene Gesicht enthüllt, wird man tausende und abertausende von Geheimnissen kennen. „