Auf der Suche nach einem Gesicht

Ein Gespräch zwischen Corinne Schatz und Nesa Gschwend, 2003

 

Corinne: Für unser Gespräch möchte ich den Ablauf deiner Performance „moments of a person“ über- nehmen, ein Weg, der von aussen ins Innere einer Person führt. Ich möchte erst allgemein auf deine Entwicklung zur Performance eingehen und dann über die verschiedenen Ebenen deiner Arbeit, über den Raum, die Handlungen, die Gegenstände, die Sprache zu den Gesichtern vordringen. Die Performance ist Ende der 60er Jahre entstanden und hat sich bis heute zu einer Kunstrichtung ent- wickelt, über die es eine Menge Definitionen gibt. Es ist ein offenes Ausdrucksmittel,festgefahrene Konventionen gibt es noch keine und auch die Grenzen zum Theater, zu der bildenden Kunst usw sind fliessend. Obwohl du heute vorwiegend als bildende Künstlerin arbeitest, kommt dein Zugang zur Performance mehr vom Theater her. Kannst du ein paar wichtige Schritte aufzeichnen, die dich zu die- ser Ausdrucksform gebracht haben?

Nesa: Ende der 70er Jahre besuchte ich in Bologna die Theaterschule nuova scena. Wir hatten über die Schule Kontakte zum Living Theatre, meine erste Begegnung mit experimentellen Theaterformen. Anfang 80 ging ich dann nach Berlin. Wir experimentierten in den unterschiedlichsten Formationen mit verschiedenen Ausdrucksformen. In diesem Zusammenhang tauchte für mich ertsmals der Begriff Performance auf. Diese Gruppierungen waren ein buntes Gemisch von Sparten und Nationalitäten. Nach einem Jahr gründeten wir zu zweit eine eigene Gruppe und nannten sie PanOptikum, eine Gruppe, die es heute noch gibt. Der Name lehnte sich an die Tableaux vivants an, die Panoptikums, die um die Jahrhundertwende zum Teil sehr menschenverachtende Zurschaustellungen von Menschen zeigten. Unsere ersten Performances basierten auf dieser Zurschaustellung von uns selbst. Wir entwic- kelten in der Zeit vor allem workacts, die wir auf Festivals zeigten. Viele dieser Aktionen entwickelten wir in der direkten Konfrontation mit dem Publikum. Nach zwei Jahren verbrachten wir einen Winter in Indonesien und setzten uns mit den balinesischen Theaterformen auseinander. Zurück in Berlin vergrös- serten wir unsere Gruppe auf sieben Mitglieder und aus den workacts wurden Platzinszenierungen, die auf zwei Ebenen spielten. Oben waren grosse Windobjekte, die sich durch den Winddruck aufblähten und wieder in sich zusammenfielen, unten spielten Musiker und Schauspieler. Nach fünf Jahren verliess ich die Gruppe, ging nach St.Gallen zurück und entwickelte meine erste Soloperformance. Dies war für mich ein wichtiger Schritt, weg von kollektiven Entwicklungsprozessen. Ich wollte wissen, wo ich selber stehe und habe alles alleine kreiert. In der zweiten Performance arbeitete ich dann erstmals mit Jörg Bohn. Seither arbeiten wir immer wieder zusammen, auch in moments of a person. Corinne: Waren deine Soloperformances ein Bruch zu dem, was ihr in Berlin gemacht habt? Nesa: Es war ein radikaler Bruch. Die Arbeiten mit PanOptikum waren meist ein Eindringen in einen vor- handenen Raum als Fremdkörper. In meinen Soloperformances kreierte ich installative Situationen, in der ich Handlungen ausführte.

Corinne: Ich möchte auf die installative Raumsituation deiner neuen Performance zu sprechen kommen. In „moments of a person“ nimmt der Besucher als erstes diese Raumsituation wahr. Einerseits eine Projektionsfläche an der Wand und davor eine identische weisse Fläche am Boden. Diese beiden Ebenen, die vertikale und die horizontale definieren den Aktionsraum, in dem du dich bewegst. Es gibt aber noch eine weitere Raumebene, den Aussenraum.

Nesa: Der Aussenraum ist ein Gegenpol, auf den ich mich beziehe, indem ich die Zeit im Inneren ver- langsame. Den eigenen Zeitfluss zu kreieren, ist in meiner Arbeit sehr wichtig. Damit die Performance für den Besucher zum Katalysator für eigene Vorstellungen und Erinnerungen wird, arbeite ich mit Verlangsamungen und Wiederholungen. Dieses Rausrücken aus der äusseren Zeit nehme ich beim Spielen als etwas sehr Spannungsgeladenes wahr, bis sich der Fluss auf der anderen Zeitachse einstellt. Dann wird das Pubklikum teil der Aufführung.

Corinne: Ich möchte an dieser Stelle Marina Abramovic zitieren, „Performance ist ein aussergewöhnlicher Zustand, eine geistige und körperliche Konstruktion, in der sich die Künstlerin Raum und Zeit erschafft. Dann betritt sie diesen Raum, ein Austausch mit dem Publikum findet statt.“ Deine Performance ist ein Zeit -Raumgefüge, das sich sehr stark vom Alltäglichen abhebt. Beziehst du das auch auf die Entwicklungsphase der Performance, oder vor allem auf die Aufführung?

Nesa: Beides. In der Aufführung ist der Prozess nochmals verdichtet. Die inneren Schichten werden offen gelegt, um dies zu erreichen, braucht es mehrere Anläufe, Wiederholungen. Die Porträtserien, die die Grundlage der Performance bilden, entstehen auf dieselbe Weise, nur mit anderen Ausdrucksmitteln.

Corinne: Was passiert mit dir, wenn du mit der Performance beginnst? Nimmst du die Anwesenheit des Publikums wahr?

Nesa: In der Performance bleibt die Welt der Person hermetisch und gleichzeitig transparent. Sie wird jedoch mit der Energie der Anwesenden aufgeladen. Dabei entsteht ein Austausch, der nur in dem Moment mit den Personen an diesem Ort möglich ist. Am Ende, nachdem sich Schicht um Schicht aufgeblättert hat und die Besucher gegangen sind, löst sich alles wieder auf. Diesen unmittelbaren Austausch vermisste ich in den Jahren, in denen ich keine Performance gemacht habe, sondern ausschliesslich bildnerisch gearbeitet habe, immer stärker. Es ist so etwas wie Heimweh danach entstanden. Was mir vor allem fehlte, ist diese rituelle Energie der Performance, die aber keiner Ideologie verpflichtet ist. Ideologie wäre eine Fixierung, mir ist aber das Vage, das Flüchtige, das Zerbrechliche sehr wichtig. Roland Barthes bezeichnet in der hellen Kammer diese Bruchstelle als Punktum, kleine Lücke, Stich. Diesen Punkt zu finden und darüber die Verbindung zum Anderen herzustellen, ist für mich das wichtigste Kriterium in allen meinen Arbeiten. Die Bruchstelle macht die Person erst zu dem, was sie ist. Person ist ein offener Begriff, der mich und den Anderen gleichzeitig meint. Corinne: Der Begriff Person ist in sich schon paradox. Er beinhaltet im griechischen die Maske und auch das Gesicht dahinter, eine Doppeldeutigkeit, die in deiner Performance auch drin ist. Der Betrachter sieht gleichzeitig die Gesichter der Person und die Person auf zwei verschiedenen Ebenen. Die Porträts sind Selbstporträts nicht im Sinne von Spiegelbildern, sondern in einer umgekehrten Blickrichtung, von innen nach aussen. Das von innen nach aussen der Projektionen und der Weg von aussen nach innen der Person taucht in deinen Arbeiten immer wieder auf.

Corinne: Im Text von Evi Kliemand über dich zitierst du einen Satz von Robert Walser aus den Mikrogrammen, „er habe sich noch immer nicht ents- chieden, ob er ins Leben hinein, oder hinaus schauen soll.“

Nesa: Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass man etwas nur von einer Seite, aus einer Blickrichtung anschauen kann. Die Porträtserie sind hundert Ansichten des gleichen. Hundert Vorstellungen von etwas, was gar nicht fassbar ist, für mich nicht fassbar. Die gezeichneten Porträts sind Erinnerungen, die in der Projektion, im zeitlichen Ablauf, zu Momenten werden.

Corinne: Während deiner Performance schaust du die Gesichter nie an. Sie gehören so zum Raum der Besucher. Ich würde gerne noch auf deine Handlungen und auf die Gegenstände eingehen, die vor allem einen metaphorischen Charakter haben. Es sind sehr wenige, Mehl auf einem Wachstuch, Schuhe, eine Lampe, eine Orange, die eine zentrale Rolle einnimmt.

Nesa: Die Materialsprache ist sehr reduziert. Das Material oder der Gegenstand sind in sich schon Inhalt. Im Umgang damit sehe ich auch einen Unterschied von Theater und Performance. Ich setze meine Materialien vor allem als Zeichen ein, die sich dann auf verschiedenen Ebenen wiederholen. Das Mehl führt das Flüchtige der Porträts am Boden weiter, übernimmt durch das Gehen die Spuren der Füsse. Die Blumen, die im Traum vorkommen, sind typische Begleiter eines Kornfeldes. Die Schuhe beinhalten eine andere Energie. Sie sagen etwas über eine Person aus, gleichzeitig sind sie ein Zeichen für die Abwesenheit der Person. Da es immer dieselben Schuhe sind und sie aufgereiht werden, verbin- den sie sich auch mit den Porträts.

Corinne: Die Schuhe stellen für mich einen starken Bezug zur weissen Fläche, zum Mehlfeld, her. Die Grenze zwischen dem äusseren und inneren Raum wird durch die Reihung noch verstärkt. Ich war sehr überrascht, als du die Schuhe, die du trägst, in das Feld heineinstelltest, eine erste Grenzüberschreitung?

Nesa: Ja, genau, Grenzüberschreitung und Verbindung der inneren und äusseren Raumschicht. Meine Schuhe gehen ja später noch einen Schritt weiter nach innen. Die Schichten bleiben so durchlässig.

Corinne: Ich habe es auch als eine Gegenbewegung zum Aufreihen wahrgenommen. Die Grenze wird in der Aufreihung verstärkt und dann mit dieser Geste bewusst aufgebrochen. Ich möchte noch auf die Orange eingehen, die im Handlungsablauf eine wichtige Rolle spielt und in umgewandelter Form auch in der Ausstellung auftaucht. Es kommt mir vor wie eine Aneignung, Verinnerlichung.

Nesa: Die Orange als Frucht hat diese schöne, runde Form, die mich an ein kleines Köpfchen erinnert. Das Teilen in zwei Hälften mit den Händen ist ein Zerstören der Form und ein Einblick in das Innere, das Weiche, Saftige. Nach dem Aussaugen und Essen wird sie wieder zugenäht, ganz gemacht. In diesen Handlungen, die auf der Tonebene von einer ganzen Reihe von Adjektiven begleitet werden, stehen die emtionalen Zustände im Vordergrund. Die Orange durchläuft auf einer haptischen Ebene den gleichen Prozess wie die Porträts auf der Projektionsebene. Nach dieser Behandlung wird sie über die Performance hinaus der Zeit überlassen. Ich beobachte ihre Verformungen als einen weiteren Prozess und bearbeite sie schlussendlich mit Farbe und Wachs. So werden sie zu kleinen Objekten, die wieder eine Reihung bilden, wie die Porträts und die Schuhe. Gleichzeitig sind sie ein Zeichen für die Performance, die stattgefunden hat. In der Performance selber steht die Orange an dem Punkt, wo die Person die äussere Schicht verlässt und eine Ebene tiefer in ihren Kopf, ihre Vorstellungen und Träume hinein geht. Bis zu diesem Punkt ging es um das Was, hier verändert sich die Blickrichtung zum Wer. Die Zeit und der Raum werden immer mehr in den Kopf verschoben und die inneren Bilder werden sprachlich be- zeichnet.

Corinne: Die Stimme ist nicht deine, die Person spricht nicht. Der Text gehört mehr zum Raum, oder zum Inneren des Kopfes. Die Sprache als Ausdrucksmittel ist in deiner Arbeit ein wichtiges Element. Du hast mir mal gesagt, dass für dich das Gesicht eine andere Art des Schreiben und auch Lesens ist.

Nesa: Das Gesicht ist eine andere Ebene von Sprache, die sich meist unbewusst und ohne Kontrolle ereignet. Deshalb versuche ich auch in der Umsetzung der gezeichneten Porträts möglichst ohne bewusste Kontrolle zu arbeiten. Auf diesen Notizen von Gesichtszügen, arbeite ich dann weiter. Darin liegt die Verbindung zur Schrift, zum Text. Am Anfang hört man ja die Person, wie sie schreibt und laut denkt. Solche Schreibprozesse stehen immer am Anfang, um eine Idee zu entwickeln. Daraus entstehen verdichtete Schriftgewebe, die nicht mehr zu entziffern sind. Es sind noch nicht Inhalte, sondern Handlungen, Konzentrationen, Verdichtungen. Auch die Texte, die in der Performance zu hören sind, sind irgendwo in einem solchen Sprachgewebe entstanden. Als ich mit dieser Arbeit anfing, wiederholte sich der Traum vom Fliegen, den ich in meiner Kinheit sehr oft träumte. Ich kann mich genau an diese Mischung von Angst, Erwartung und Freude erinnern. Der Text am Ende ist ein sehr persönlicher und gleichzeitig ein allgemeiner Text. Der Taum vom Fliegen ist ein Menschheitstraum an sich.

Corinne: Die Person schliesst sich in diesem Teil wie in einem Cocon in ihr Inneres ein.

Nesa: Der Text, das Mehlfeld, die Person und der Kopf verdichten sich zu einem einzigen Bild. Das Zusammenziehen wird zum Schutz und die Hülle zur Leerstelle, zur Erinnerung.

Corinne: Ich möchte zum Schluss nochmals auf das Gesicht kommen und ein Zitat von Artaud anfügen „ Das menschliche Gesicht ist eine leere Macht, ein Feld des Todes. Nach ungezählten Jahrtausenden, die das menschliche Gesicht sprach und atmete, hat man noch immer den Eindruck, es habe noch nicht begonnen zu sagen, was es ist und was es weiss.“

Nesa: Das Gesicht ist der Ort der Wiedererkennung und Begegnung mit dem Anderen. Es ist der Ort der Menschenwürde und Ausdruck der Zerbrechlichkeit einer Person. Und doch ist das alles nur ein Versuch der Annäherung. Um nochmals auf den Titel unseres Gesprächs zurückzukommen, die Suche nach dem Gesicht geht weiter, noch lange weiter.