| Mein indisches Gesicht |
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Sibylle Omlin im Gespräch mit Nesa Gschwend
Die alltäglichen Widersprüche, die für indische Künstlerinnen und Künstler eine Selbstverständlichkeit sind, können für ihre Kolleginnen und Kollegen aus der Schweiz zur Herausforderung werden. Die Performerin Nesa Geschwend war vom Januar bis März 2006 mit Unterstützung von Pro Helvetia Artist in Residence in Bangalore. Sie schildert ihre Eindrücke über den Aufenthalt in der Acht-Millionen-Stadt Sibylle Omlin: Wie kam es zu der Idee, als Künstlerin nach Indien zu gehen? Nesa Gschwend: Ich hatte schon lange denWunsch, wieder einmal nach Asien zu reisen, und Indien stand dabei ganz oben auf meiner Wunschliste. Ich war in den 1980er Jahren einen Winter lang in Indonesien gewesen. Der Aufenthalt auf Bali galt den indonesischen Theaterformen und dem Maskenspiel, da ich damals noch Mitglied der Performance-Theater-Gruppe PanOptikum war. Und warum jetzt Indien? In der Zwischenzeit bin ich nicht mehr im Theater, sondern als Solo-Performerin tätig. Ich hatte über das Gästeatelier ‹Krone› in Aarau gehört, dass es ein Atelier in Bangalore gibt, und habe mich dafür beworben. Wie kamen Sie in Indien an? Sehr gut. Gleich zu Beginn meines Aufenthaltes wurde ich angefragt, ob ich zur Eröffnung des ‹Artists Centre› in Bangalore eine Performance zeigen würde. Ich hatte die erste Zeit vor allem in meinem Atelier verbracht und an meiner Performance sing a song gearbeitet, eine Performance über ein Ei, an der ich seit etwa drei Jahren immer wieder gearbeitet hatte, die ich aber noch nie öffentlich gezeigt hatte. Und so beschloss ich, diese Performance für das ‹Artists Centre› aufführungsreif zu machen. Wie wirkte Indien, das wir von Europa her als sehr bunten und widersprüchlichen Subkontinent begreifen, auf Sie? Man muss auch hier differenzieren. Ich war in Bangalore. Das ist eine acht Millionen Einwohner zählende Stadt in Südindien. Ich lebte in einer Wohnsiedlung inmitten des Stadtteils Malleswarem. In einer ganz normalen Wohnung. Es gab Strom, fliessendes Wasser, Nachbaren und unzählige kleine Garküchen an der Strasse, wo man preiswert essen konnte. Ich habe fast nie selber gekocht, weil das Essen an diesen Orten so verlockend roch. Bangalore als Ganzes kam mir wie ein Ort mit unzähligen Schichten über- und ineinander vor. Höchst Gegensätzliches scheint problemlos gleichzeitig nebeneinander und miteinander zu existieren: die heiligen Kühe mitten auf der Strasse, die einfachen Hütten mit dem gestampften Lehmboden im Stadtzentrum unmittelbar neben modernen Hochhausbauten und Geschäftshäusern. Wie gestaltete sich der Kontakt mit den Kunstschaffenden in Bangalore? War es einfach, mit ihnen ins Gespräch zu kommen? Der Kontakt zu Kunstschaffenden aus Indien ist über den Austausch mit dem Gästeatelier ‹Krone› in Aarau schon lange institutionalisiert. Die Künstler, die das Atelier in Bangalore betreuen und die bereits in der Schweiz im Gästeatelier in Aarau weilten, waren sehr hilfsbereit und auch sehr an einem Austausch interessiert. Sie luden mich ein, stellten mir ihre Familien vor, zeigten mir ihre Herkunftsdörfer, nahmen mich zu Ausstellungen, Theatern und Filmanlässen mit. Christoph Storz, ein Schweizer Künstler, der seit vielen Jahren in Bangalore lebt und das Atelier mit aufgebaut hat, wirkt zudem als wichtige Vermittlerfigur. Wie haben Sie Material für Ihre künstlerische Arbeit organisiert? Ihre Performance ‹sing a song› dreht sich um ein Ei, das Sie erst in Ihren Kleidern verbergen, dann spielen Sie mit dem Ei. Schliesslich lassen Sie es fallen und essen es auf. Am Schluss nehmen Sie von neuem ein Ei aus Ihren Kleidern hervor. Sie brachten die Arbeit – wie Sie bereits erwähnten – aus der Schweiz mit. Hatte das Thema der Performance sich in Indien noch verändert? Wie hat die Performance auf die Leute dort gewirkt? Ich führte viele Gespräche über meine Performance, vor allem mit anderen Künstlerinnen und Künstlern. Sie sahen meine Performance vor allem als eine philosophische Auseinandersetzung mit dem Leben. Sie war ihnen auf der einen Seite vertraut und doch ganz fremd,wie sich eine indische Künstlerin ausdrückte.Widersprüche sind jedoch für die meisten Inder eine Selbstverständlichkeit und werden gar nicht als solche wahrgenommen. Ein anderer Künstler sah in der Performance eine Geschichte aus seiner eigenen Kultur. Nach der Aufführung war ich vermehrt in der Stadt unterwegs, um andere Künstler zu besuchen, und vor allem auch, um an den verschiedenen Kunstschulen und an der Universität in einer Dia-Show meine Arbeit vorzustellen und anschliessend mit den Studenten zu diskutieren. Dabei habe ich die indischen Studenten als sehr offen und neugierig erlebt. Indien gilt heute ja als zukunftsorientiertes und innovatives Land. Wie gestaltete sich die Arbeit mit den Studierenden? Am ‹Art College Chitrakala Parishath› unterrichtete ich eineWoche lang Performance und erarbeitete mit den Studenten kleine Performances, die wir auch aufführten. In meiner Auseinandersetzung mit Performance steht das persönliche und kulturelle Selbstbild im Zentrum, und so bekam ich in derWoche einen guten Einblick in die indische Kultur, vor allem in die Kämpfe der jungen Frauen und die Rollenbilder in den verschiedenen Gesellschaftsschichten. Für die StudentInnen war es erst sehr fremd, die eigene Person – und vor allem den Körper – in eine bildnerische Arbeit zu integrieren. Der Austausch war sehr vital; die Studenten luden mich ein, mit ihnen auf die Schulreise zu kommen.Am ‹Art College› angegliedert waren auch Ausstellungsräume, in denen ich im März am Schluss des Aufenthalts eine Ausstellung hatte. Eine Performance haben Sie dafür in Indien neu erarbeitet. In der Performance ‹The Red› hantieren Sie mit der in Indien weit verbreiten Farbe Rot. Hier scheint eine Art indischer Einfluss bereits zu bestehen. Sehen Sie das auch so? Was nehmen Sie als schönstes Erlebnis aus Indien mit?
Sibylle Omlin ist freie Kunstkritikerin und Leiterin der Abteilung Bildende Kunst, Medienkunst an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel. |