| Mediale Metamorphosen |
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Susanne Meier-Faust
Mediale Metamorphosen der Orange – Rotationen und andere Arbeiten von Nesa Gschwend in Basel Eine Ausstellung, ein Gespräch, ein Thema – „Chelsea Projekte“ präsentieren im Raum für Kultur H 95 in Basel eine lohnende Schau der Künstlerin Nesa Gschwend. Der hohe Raum, der über eine Treppe hinab zu erreichen ist, eignet sich dafür mit seinen geschlossenen Wänden bestens und ist geschickt genutzt für die verschiedenen Größenordnungen und medialen Mittel der Arbeiten. Gleich vorne fällt der Blick beidseitig auf große Gruppen gestreut gehängter Zeichnungen, die alle von einem Eindruck geprägt sind: Es sind Gesichter oder Köpfe, die sich genauerer Wahrnehmung entziehen, weil sie in einem vieldeutigen Umraum zu versinken scheinen oder deren individuelle Züge unter einem Schleier verborgen bleiben. Gleichzeitig steigen bei vielen der mit Rötel, Bleistift und Wachs bearbeiteten Blätter Assoziationen an Föten oder Totenschädel auf. Das Organischgerundete ist auch Hauptthema in den drei großen, in der Raummitte herabhängenden Leinwandbildern („Große Zellen“), die farbig intensiv zugleich gestisch abstrakt durchgearbeitet sind. Die Rundform der Orange bildet dann die Grundlage für die „Rotationen“ genannten Arbeiten. In einem Fries sind Videoprints zu sehen, die den drehend-quetschenden Griff der beiden Hände um die Orange zeigen – farbig ins Helle verfremdet und graphisch betont mit linearen Übergängen der Armansätze von Blatt zu Blatt. Im Gegensatz dazu ist eine Vierergruppe von Videoprints desselben Motivs dunkel metallisch ausgestaltet und betont in dieser Verfremdung das Plastische der Formen. Die Arbeit mit dem organischen Material und dem prozessuralen Aspekt von Zeit und Vergänglichkeit zeigt sich dann eindrücklich an einer großen Arbeit auf dem Boden. Hier sind die Relikte der Eröffnungs-Performance versammelt und installativ dargeboten: Auf dem hellen Tuch steht der Hocker, auf dem die sitzende Künstlerin ihre Aktion des Schneidens und Vernähens von Orangen ausführte. Der austretende Saft hat sich zu einem malerischen Bereich auf dem Tuch entwickelt. Davor liegen linear verschlungen die Fäden des roten Garns, oft mit eingefädelten Nadeln, zu denen die noch herumliegenden, nicht bearbeiteten Orangen gehören, deren Farbigkeit von zwei kurzen Leuchtstoffröhren beleuchtet wird. Den stärksten Veränderungsprozess zeigen die Orangen, die mit vernähten Schnitten auf dem Boden abgelegt wurden. Sie sind nicht konservierend mit Wachs bearbeitet, sondern wurden dem Verwesungsprozess übergeben, in dem sie im Übergang zu grüngrauer Schimmelfarbe ein farbiges und plastisches Eigenleben entwickeln. So kann hier auch die rötliche Garnfarbe den Komplementärkontrast andeuten. Es entsteht ein prozesshaft-komplexes Bild, das von überraschenden Materialaspekten lebt und damit dem alten Bild der Vanitas ein neues, einprägsames hinzufügt. Ebenso sind die großen und kleinen Videoprojektionen von eindringlicher Präsenz, in denen der plastisch-performative und symbolhaltige Umgang der Künstlerin - die vom Schauspiel und der Performance herkommt - mit ihrem Material gezeigt wird. Die Orange als ausgepresste, zerschnittene und zerstörte Form wird jenseits rein ästhetischer Qualitäten zur vielseitig deutbaren Metapher – unserer Welt, der menschlichen Existenz, des gequälten Körpers. Sehenswert, wie die schlichten Materialien und die präzisen medialen Verarbeitungen sich zu einer eigenen erfahrungshaltigen Komplexität runden. |